| WELLDONE FORTE | Ausgabe 7, März 2001 | |
Ein Artikel von Reinhard Riedl
Ein Bericht vom 4. Biennale Internationale Symposium über Wissenschaft, Technik und Ästhetik - Luzern 2001: The Enigma of Consciousness, 20-21. Jänner 2001
Das menschliche Bewusstsein ist ein Spezialfall der Quantenwirklichkeit, doch die gibt es nicht. So ließe sich, zynisch verkürzt, die zweitägige Luzerner Biennale im dortigen Stadttheater zusammenfassen, welche freilich nur vorgab, ein pseudo?wissenschaftliches Symposion zu sein, in Wirklichkeit aber eine dramatische Ausstellung war, von der Neuen Galerie Luzern inszeniert.
Die authentisch-realistische Veranstaltung der imaginären Objekte mit mehr oder weniger klingenden Namen wie Ascott, Hameroff, Luna, Penrose, Rössler, von Glasersfeld, Weibel und Zeilinger unterschied sich wohltuend von gewohnten theatralischen Thematisierungen der Wissenschaften. Die Ausstellungsobjekte waren alle, im Gegensatz zu dem, was auf Theaterbühnen sonst leider Usus ist, normale Menschen, weder psychisch gestört noch schwachsinning und wenn überhaupt, so höchstens sanft neurotisch. Einzig das Objekt „Peter Weibel“ geriet ein bischen zu naturalistisch, schneuzte sich beispielsweise lautstark in seine eigene Vorstellung durch den Veranstalter hinein und nuschelte durchs Programm, als wäre ihre Stimme im Burgtheater geklaut worden, ein Gag, auf den man schadlos verzichtet hätte. Im anderen Extrem war das Objekt „Otto E. Rössler“ penetrant peinsam für den Betrachter, und man wusste nicht so recht, ob hier die Theaterweisheit „Lernen durch Leiden“ angesagt war oder es sich um eine beabsichtigte Publikumsentlarvung handelte. In letzterem Fall hätte sich dieses tatsächlich programmgemäß begeistert. Wenige jedenfalls registrierten beim Auftritt des Objekts „Otto E. Rössler“ das demonstrative Rausschleichen des Objekts „Anton Zeilinger“ aus dem Zuschauerraum, das sich davor besonders anregend re- und pro-aktiv inteagierend zeigte, von cool wissengschaftend bis heiß esoterisch, ein bildverhauenes Meisterwerk am malerischen Luzernersee (und aus unserer Sicht Glanzpukt des Events).
Thema der Ausstellung war die Wahrnehmung des Bewusstseins wie seiner Möglichkeiten und Endlichkeiten im Spannungsfeld physikalischer, informationsphilosophischer und pharmazeutischer Fantasien. Ist freier Wille nur Zufall? Gibt es eine Wirklichkeit ohne Information darüber und eine Information ohne Sprache, diese zu beschreiben? Können wir mit Drogen kreativer träumen?
Künstlerisch betrachtet: Der dramatische Konflikt wurde simplizistisch, dualistisch bewegend in der Opposition gegenseitigen, prointellektuellen Nichtverstehens und prätragödischen Einander-Verstehens ausseziert:
Glaserfeld betonte zum Auftakt die vorsprachliche Konstruiertheit unserer Welt. Penrose vertrat die Auffassung, dass freier Wille nicht klar trennbar sei von der physikalischen Wirklichkeit und möglicherweise eine Illusion, hinter der die Realität des Kollabierens von nichtlokalen Quantenzuständen stünde. Hameroff erläuterte die Motivation für diese Theorie, die aus der Anästhesie kommt, wo man annimmt, dass das Ausschalten schwacher Quantenkräfte die Ursache narkotisierender Wirkung sei. Nach Hameroffs Schätzung ist Bewusstsein bei Tieren ab 300 Zellen denkbar. Zeilinger stellte eine Existenz einer Quantenwirklichkeit jenseits von physikalischen Messung grundsätzlich in Abrede. Wirklichkeit sei nämlich nicht so klar trennbar von der Information, die wir darüber haben können, weil eine Veränderung dieser konjunktivischen Information – beispielsweise in Experimenten wie der Teleportation – auch eine Veränderung der messbaren Wirklichkeit nach sich zöge.
Weibel schloss von Penrose und Hameroff auf eine Migration der Bewusstseinsforschung von der Mathematik zur Physik, wofür er neuronale Netze der Mathematik zuordnete (im Widerspruch zur wissenschaftlichen Wirklichkeit, die neuronale Netze das grösste Ansehen in der künstlichen Intelligenz beziehungsweise neuerdings der Bioinformatik und die kleinste Bedeutung in der Mathematik genießen lässt). Luis Eduardo Luna erzählte, dass gewisse Drogen eine Überlagerung von Wachzustand und Traum ermöglichen und beispielsweise südamerikanische Schamanen zwischen einem Zustand aktiven Träumens und einem Zustand wachen Bewusstseins instantan wechseln könnten. Drogen böten (ähnlich der Multimedia-Technologie) die Möglichkeit zu krativem Navigieren durch virtuelle Welten und sollten, so Luis Eduardo Luna, zu effektiverer wissenschaftlicher Problemlösung eingesetzt werden. Roy Ascott prophezeite (dazu passend), dass in der vegtalen Realität die Zukunft der interaktiven Kunst liege und Künstler Maschinen mit eigener (Maschinen-)Wirklichkeit konstruieren werden würden, wobei es primäre Aufgabe der Kunst sei, Metaphern aus Technik und Wissenschaft auf ihren sozialen Wert zu überprüfen. Die Interpretation, dass die Kunst sich zum Richter über den Fortschritt aufschwingen sollte, wurde angedeutet, ob dies politisch gemeint war, blieb aber unklar.
Und Rössler schließlich entzückte das Publikum mit der nachgerade belegten Behauptung, dass Liebe sehr wichtig sei, auch für Wissenschafter, und mit der lustigen Selbstbeweinung, dass manche Wissenschafter zu Unrecht nicht ernst genommen würden. Es gäbe, sagte Rössler, Parallelwirklichkeiten.
Zusammenfassend würde man also schreiben, wenn es sich um das handelte, was es vorgab zu sein, ein Symposion, dass das Wesen der Wirklichkeit und des freien Willens die eigentlichen Themen der Bewusstseinsforschung sind, die es zu erforschen gilt. Und dass die praktischen relevanten Fragen hierbei insbesondere die Möglichkeit zur Wirklichkeitskonstruktion sind, in der interaktiven Kunst, in der Quantenmedizin und in der Drogenforschung. Und vielleicht auch die ethische Reflexion darüber, möchten wir anfügen. Denn Drogen sind auch als Teil des von Lunas betonten Rituals bedenklich, und Gleiches im eigentlichen Wortsinn gilt für alle philosophischen Erklärungen des Bewusstseins.
Die Welt ist komplexer, als man es ableiten könnte, aus den – im übrigen zum Teil nicht mehr ganz taufrischen – ausgestellten Erkenntnissen. Nur fragt sich, ob das auch allen Zuschauern vermittelt wurde. Wenn in einem Zürcher Dramolett kanadische Graphentheoretiker unter Anführung eines Kindertheaterautors, der seinen perversen Mutterkomplex beim Abwaschen mit Gummihandschuhen zu befriedigen pflegt, Kognitionsforschung mit GTT (Ginseng Tee Trinken) machen, erkennt jeder sofort die Absurdität des notabene österreichischen Librettos. Aber wenn Information über unser Privatleben in über die ganze Welt verteilten digitalen Ereignisspuren niedergeschrieben wird, schafft die Vernetzungsoption ganz real bedrohliche Scheinwelten.
Letzendlich ist alles konstruiert. Wer kann sich sicher sein, dass wir wirklich im Theater sitzen und nicht etwa im wirklichen Leben. Dass GTT eine reine Erfindung eines Kindertheaterkritikers ist. Vielleicht, denkt sich ein Kognitionstechnologieforscher, auf dem Nachhauseweg vom katholischen Luzern ins Zwingli-Zürich, und dabei ist er so ehrlich wie einer in ganz Illyrien, der gerade auf dem Mac eine vorletzte Seite tippt, vielleicht waren das doch alles Wissenschafter. Sicher sein kann man sich nie.