In der Kölblgasse 10 im dritten Wiener Gemeindebezirk befindet sich die renommierte Vienna School of Clinical Research (VSCR). Seit ihrer Gründung im Jahr 2001 wurden über 2800 Forschungsfachkräfte aus mehr als 80 Ländern in postgradualen Seminaren ausgebildet. Über die Entwicklung der Forschung sprachen wir mit dem Präsidenten der VSCR, dem Onkologen Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski.
P: Was sind die Aufgaben der Vienna School of Clinical Research (VSCR)?
Zielinski: Die Vienna School of Clinical Research hat mehrere Standbeine: Die großen sind die Lehre auf dem Gebiet der Durchführung klinischer Studien einschließlich der Erstellung von Studienkonzepten und Studienprotokollen, der Auswertung klinischer Studien und der Verbreiterung der klinischen wissenschaftlichen Basis auf dem Gebiet der großen Erkrankungen der Menschheit, sprich Herzerkrankungen, Diabetes, Infektionserkrankungen und natürlich malignen Erkrankungen. Das heißt, wir haben einen sehr breiten Fokus, wobei wir uns unserer Verantwortung in zwei Belangen bewusst sind. Erstens der Verantwortung in Hinblick auf den Standort Wien, der als solcher transportiert werden sollte. In diesem Zusammenhang freuen wir uns sehr über die persönliche Unterstützung des Bürgermeisters sowie der Stadt Wien. Zweitens sind wir uns natürlich der Verantwortung bewusst als quasi hochentwickelte Welt gegenüber den Ländern mit beschränkten finanziellen Ressourcen. Diesbezüglich gibt es eine sehr breite Unterstützung seitens der EU, aber auch vermehrt seitens der WHO. Die VSCR bietet eine Menge von entsprechenden Kursen für akademische und klinische Wissenschaftler in regelmäßigen, fast wöchentlichen Abständen an. Dazu kommt aber auch die Bewusstmachung, mit welchen Problemen akademische Studien in einem neu definierten Umfeld zu kämpfen haben.
P: Woher kommen die Kursteilnehmer?
Zielinski: Die Kursteilnehmer kommen aus der ganzen Welt. Wir haben zwei Konzepte: Zum einen, die Kursteilnehmer nach Wien zu bringen, auf der anderen Seite fahren wir als Faculty in andere Städte bzw. Länder, um die Kurse vor Ort abzuhalten. In Anlehnung an unsere starke afrikanische Komponente finden vor allem in Afrika sehr viele Kurse statt.
P: Gibt es vergleichbare Modelle oder Konzepte in Österreich bzw. Europa?
Zielinski: Nein. Die Idee der VSCR ist ein fast einmaliges Konzept, das die Fragestellungen mit der Umsetzung und der Auswertung der Ergebnisse verknüpft. In Kürze werden wir auch eine der ersten oder die erste Institution sein, die einen Master of Science anbietet – gemeinsam mit der Medizinischen Universität Wien. In zirka zwei Jahren ist es so weit. Darüber hinaus haben wir eine Vielzahl von Kooperationen mit zentraleuropäischen Universitäten, vor allem aber mit Universitäten, die in unserem direkten Umkreis sind, wie Ungarn und Tschechien. Wir kooperieren aber auch mit Universitäten in den USA. Mit all diesen Partnern sind wir eine gemeinsame Verpflichtung eingegangen, nämlich eine Qualitätskontrolle, eine Qualitätsverbesserung in der Durchführung klinischer Studien sowohl im eigenen Bereich als auch in Ländern, die einen Entwicklungssupport brauchen, umzusetzen.
P: Thema Forschung: Wie hat sich die Forschung im Laufe der Zeit entwickelt?
Zielinski: Bezüglich der Forschung haben wir einige Dinge zu beachten. Punkt eins ist, dass wir zwischen klinischer und nicht klinischer Forschung unterscheiden müssen. In der klinischen Forschung haben sich die Dinge extrem verändert. Seit der EU-Direktive, die vor ein paar Jahren durch das Europäische Parlament erlassen wurde, ist alles viel komplexer geworden, was aber nicht automatisch besser bedeutet. Vor allem in dem Bemühen, dass sämtliche Forschungen nach dem Muster der Pharmaindustrie stattfinden, wurde unglücklicherweise übersehen, dass es auch akademische Forschung gibt, die nur mit Mühe die Kriterien erfüllen kann, die an die Pharmaindustrie angelegt werden. Es gibt ein Regelwerk „Good Clinical Practice“, das an die Pharmaindustrie angepasst ist, unabhängig davon, ob die Fragestellungen von der Pharmaindustrie oder der Akademia kommen. Das Europäische Parlament hat leider übersehen, dass es auch – sehr viele – akademische Fragestellungen geben kann. Ein Beispiel ist die optimale Dosisfindung bei Medikamenten. Dabei ist es durchaus möglich, dass eine geringere Dosis gleich gut wirkt wie eine höhere. Die Pharmaindustrie wird bei solchen Fragestellungen aber nicht unbedingt mitziehen, was auch legitim ist, da die Pharmaindustrie keine karitative Vereinigung ist und ihre Forschungsausgaben wieder verdienen muss. Die Entwicklung eines Medikaments kostet bis zu einer Milliarde Euro – Geld, das über eine andere Quelle wieder eingenommen werden muss. Zusätzlich haben die entstandenen Regulative die Pharmaindustrie in Bezug auf die Kosten nicht entlastet, sondern belastet.
P: Bedeutet das für die akademische Forschung, dass sie notgedrungen zurückgeht?
Zielinski: Die akademische Forschung ist sicher in der Relation zurückgegangen. Ich sehe das auch an der eigenen Abteilung. Klinisch kommt noch das Problem hinzu, dass natürlich eine enorme Zahl von Fragestellungen durch die Pharmaindustrie herangetragen wird. Für uns und die Patienten ist das natürlich positiv, da eine Vielzahl von neuen Medikamenten entwickelt wird. Es wäre zu erwarten und zu hoffen, dass die Erkenntnisse der nicht klinischen Forschung schneller in die Klinik transportiert werden. Das ist nach wie vor ein langer Weg, wobei vor allem die Akademia gefordert ist. Ich bemühe mich selbst in der eigenen Institution, sowohl diagnostisch als auch für prognostische oder therapeutische Zwecke eine Abkürzung dieses Weges zu finden. Dies ist sehr komplex.
P: Kommen wir zum AKH: Was ist der Status quo, wie sieht die Zukunft dieses Hauses aus?
Zielinski: Ich glaube, dass wir hier im AKH und an der Medizinischen Universität Wien in einer sehr guten Situation und ausgezeichnet ausgestattet sind. Die Übersiedlung in dieses Haus vor über 15 Jahren hat einen Quantensprung mit sich gebracht, sowohl die klinische Qualität als auch den wissenschaftlichen Output betreffend. Manche Gebiete sind enorm gewachsen wie die Hämatologie, die Onkologie oder die Knochenmarktransplantation. Allerdings gibt es eine Menge von Herausforderungen. Erstens in Hinblick auf die klinischen Studien, die einen Support benötigen. Die Medizinische Universität wird demnächst ein „Academic Studies Support Office“ einrichten, das den Mitarbeitern die Durchführung akademischer Studien in Bezug auf die Stellung des Antrags, Sponsoring usw. erleichtern soll. Punkt zwei bezieht sich auf die Zahl der Patienten, die notwendig ist, um an Studien teilzunehmen. Sehr viele neue Medikamente kommen auf uns zu, die klinisch getestet werden müssen. Bei manchen Krankheiten fehlt allerdings die dafür notwendige Patientenanzahl. Nichtsdestotrotz sind wir an der Teilnahme der Studien interessiert, um den Patienten den Zugang zu den neuesten Medikamenten zu verschaffen. Die Entwicklung bleibt nicht stehen, jede Woche gibt es etwas Neues. In der Onkologie werden die pharmazeutischen Indikationen beispielsweise bis 2011 um ein Viertel wachsen. Wir sind in der Lage mitzuhalten, was aber kein leichtes Unterfangen ist. Vor allem sollte nicht unterschätzt werden, dass der Standort Wien durchaus nicht ohne Konkurrenz ist.
P: Wie sind wir in Wien positioniert?
Zielinski: Wir stehen gut da, aber bezüglich der Durchführung klinischer Studien gibt es andere Zentren, die mehr Patienten haben und Studien für weniger Geld machen. Ich glaube, die Wissenschaftspolitik ist hier aufgerufen, sich zu überlegen, wie man den Standort Wien verbessern kann. Ich selbst plädiere für die Entstehung eines österreichweiten Krebszentrums, eine Initiative, die ich seit Jahren verfolge und die an und für sich auf positive Resonanz stößt. Allerdings fehlte es bisher an der Entschlossenheit der ermöglichenden Stellen, um ein solches Institut herbeizuführen. Ich bin der Meinung, dass wir uns in Österreich endlich trauen sollten, in der Wissenschaftspolitik das Bemerkenswerte zu leisten, was zu tun wir in der Lage sind. Ich muss auch sagen, dass ich die Schaffung von Exzellenzuniversitäten sehr kritisch sehe, ohne zu berücksichtigen, dass solche schon existieren: Ich halte die Medizinische Universität Wien bereits jetzt für eine Exzellenzuniversität, die keiner Gründung, sondern nur einer Unterstützung bedarf. Wir haben an dieser Universität eine Vielzahl von außerordentlich guten wissenschaftlichen Gruppen: Dazu gehören neben Hämatologie und Onkologie zum Beispiel die Rheumatologie, die Pathologie, die Pathophysiologie, die Lungentransplantation, Gebiete der Chirurgie und der Kardiologie oder die Dermatologie. Das sind nur Exzerpte, die zeigen, dass wir von der wissenschaftlichen Basis einen extremen Output hätten. Es wäre wichtig, das anzuerkennen und unsere Leistungen entsprechend zu fördern, statt uns gegen imaginäre Feinde ins Feld zu schicken.
P: Wie beurteilen Sie das Zusammenspiel von extramuralem und intramuralem Bereich?
Zielinski: Wir haben hier an der Klinik eine ISO-Zertifizierung hinter uns. In diesem Zusammenhang wurde eine Analyse der Patientenzufriedenheit durchgeführt. Das erfreuliche Ergebnis war, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten sehr zufrieden oder zufrieden sind. Warum ich das erwähne, liegt daran, dass Patienten mit malignen Erkrankungen letztlich einen Weg zum Spezialisten suchen. Sie wollen den besten Spezialisten auf diesem Gebiet haben und können sich darauf verlassen, dass diese besten Spezialisten und Spezialistinnen hier anzutreffen sind. Deshalb ist unsere Interaktion mit dem extramuralen Bereich eine sehr gute, denn wir genießen sehr viel Vertrauen seitens der niedergelassenen Ärzte, die uns sehr viele Patienten schicken in dem Wissen, dass sie hier sehr gut aufgehoben sind. Das ist aber nicht das Thema. Was bei uns relevant ist, sind die zukünftigen Entwicklungen und die damit verbundene Kostenexplosion im Gesundheitssystem. Man muss kein Philosoph sein, um zu sehen, dass wir die besten Voraussetzungen dafür haben: Die Menschen werden immer älter, brauchen mit zunehmendem Alter mehr Medikamente. Aufgrund der Alterspyramide wird es immer mehr Kosten geben.
P: Die Politik ist somit aufgerufen, etwas zu tun?
Zielinski: Ich glaube, man ist nicht überfordert, wenn man Konzepte entwickelt, die diskutiert werden können. Was dieses Land aber vor allem braucht, sind eine Standortbestimmung und eine weit angelegte Diskussion darüber, wofür Österreich steht. Bei sämtlichen Umfragen stellt sich heraus, dass die Österreicher für Gesundheit das größte Interesse zeigen. Es siedeln sich auch viele internationale Konzerne hier an, weil der Zugang zur Gesundheit in Österreich besser ist als in anderen Ländern. Ich bin der Meinung, wir sollten über die Lipizzaner, die Sängerknaben oder die Sachertorte hinausgehen und uns überlegen, wo das Land hinmöchte. Diese Diskussion fehlt mir in sehr vielen Bereichen. Ich sehe vielmehr eine Stagnation in der öffentlichen Diskussion und habe den Eindruck, dass man sich der Kapazitäten im Land nicht bedient.
BioBox Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski
Christoph Zielinski, 1952 geboren, promovierte 1976 zum Doktor der Allgemeinen Heilkunde. 1983 wurde ihm der Titel „Facharzt für Innere Medizin“ zuerkannt, 1986 folgte die Habilitation in klinischer Immunologie. Zurzeit ist er Vorstand der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Klinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien, Präsident des Exzellenzzentrums für klinische und experimentelle Onkologie an den Univ.-Kliniken sowie Präsident der Vienna School of Clinical Research und der Central European Cooperative Oncology Group.